Ray Johnson

„We all dance in John Cage shoes“, soll Ray Johnson, Erfinder der Mail Art und der berühmteste unbekannte Künstler in New York (New York Times), gesagt haben. Johnson lernte Cage am Black Mountain College kennen, an dem er bis 1948 studierte. Das Prinzip Zufall, das Cage aus seiner Lektüre des chinesischen Orakelbuchs I Ging ableitete, und der Konstruktivismus der dort lehrenden Bauhäusler*in Anni und Josef Albers inspirierten Johnsons neodadaistische Arbeitsweise und sein Interesse an der Stille und dem Nichts nachhaltig. Als Johnson 1947 das November-Cover für Interiors gestaltete, veröffentlichte die Zeitschrift einen für die spätere Selbstbeschreibung des Künstlers passenden Kommentar: „Ray Johnson ist der bescheidenste unserer Künstler, die Cover gestalten, und ist vermutlich jünger als 20 Jahre. Dass er am Black Mountain College in North Carolina studiert, hauptsächlich bei Josef Albers, ist die einzige Information, die wir von ihm erhalten.”1 Johnson collagierte Ausschnitte aus Zeitungen, Magazinen, Comics und Fotografien, kaschiert auf Pappkarton und erweitert mit Tuschezeichnungen und persönlichen Widmungen, die er ab 1955 als „Moticos“ an ein hunderte tatsächliche und fiktive Adressanten und Adressatinnen umfassendes Netzwerk versendete. Als eine Art Signet kennzeichnete Johnson seine Mail-Art-Sendungen mit einem Cartoon-Bunny-Kopf. Die Bunnys dienten auch als Einladungen zu Sitzungen in seiner legendären New York Correspondence School, die er „Nothings“ nannte, als humorvolle Antwort auf Happenings sowie auf John Cages „Lecture on Nothing“. Johnson „Nothings“, von denen bis 1977 etwa 30 Treffen stattfanden, waren wie als eine Art Fanclub der New Yorker Kunst-Szene organisiert, zu denen auch Andy Warhol und Chuck Close kamen. Johnson trainierte seine Umwelt darauf, Zweideutigkeiten zu studieren, nach Doppeldeutigkeiten zu suchen, Zufälle zu hinterfragen und Finten zu verstehen. Im Jahr 1980 gab er eine Anzeige im Kunstteil der New York Times auf, um zu verkünden: „Ray Johnson/nothing/no gallery.”

Ulrike Pennewitz

 

1 Zit. nach David Bourdon, Portrait of the Artist as a Young Mailman, in: Artforum (April 1995), S. 71.

 

In der Ausstellung:

Ray Johnson
Ohne Titel, o.J.
Schwarz-Weiß-Offset-Lithografie
21,6 x 28 cm
Maria und Walter Schnepel Kulturstiftung, Budapest

 

Weiterführende Informationen zum Künstler